Inklusion ohne erhobenen Zeigefinger – pragmatisch und wirtschaftlich

Inklusionsfit Institut zertifiziert erstes Shoppingcenter in Deutschland
Das Inklusionsfit Institut, ein unabhängiges Beratungs- und Zertifizierungsinstitut für gelebte Inklusion, hat erstmals ein Shoppingcenter in Deutschland zertifiziert. Das Forum Hanau wurde als erstes „Inklusionsfit Shoppingcenter“ ausgezeichnet und setzt damit einen neuen Standard für Zugänglichkeit und Teilhabe im Handel.
Das Team aus Menschen mit und ohne Behinderung hat ein gemeinsames Ziel: Deutschland inklusiver machen – pragmatisch, messbar und wirtschaftlich realistisch, ohne erhobenen Zeigefinger, aber dafür mit Chancen und Mehrwerten, die überzeugen. Einer der Mitgründer, Mirko Korder, hatte im Alter von 13 Jahren einen schweren Starkstromunfall und lebt seitdem mit dem Verlust beider Beine und eines Arms. Er kennt Barrieren im Alltag, im Berufsleben und in der Freizeit aus eigener Erfahrung. Neben der Gründung des Inklusionsfit Instituts war Korder 13 Jahre lang Geschäftsführer des Rollstuhlbasketball-Clubs Rhine River Rhinos aus Wiesbaden, den er von null an mit aufgebaut hat und der heute zu den Top-Mannschaften in Europa gehört. In dieser Zeit sammelte er umfassende Erfahrungen in der Zusammenarbeit mit Unternehmen, Sponsoring, Marketing und der Entwicklung inklusiver Projekte im Spitzen- und Breitensport. Dieses Know-how bringt er nun in die Arbeit des Inklusionsfit Instituts ein. „Wir wissen aus eigener Erfahrung, wie es sich anfühlt, wenn ein Umfeld mitdenkt – oder eben nicht“, sagt Korder. „Unser Ansatz ist es, Inklusion so zu gestalten, dass sie in der Realität von Unternehmen und Menschen funktioniert – ohne erhobenen Zeigefinger und dafür mit klaren Mehrwerten.“
Mitgründer Martin Schenk ist selbst nicht behindert, hat aber früh durch seinen Zivildienst intensive Berührung mit dem Thema Inklusion gehabt. Er hat Deutschlands erstes Rollstuhlbasketball-Magazin gegründet und baut mit den „Potenzial Pionieren“ Marken- und Kommunikationsprojekte mit starkem Fokus auf Inklusion und Wirkung auf. Damit bringt er langjährige Erfahrung in den Bereichen Medien, Kommunikation und Markenführung ein. „Als gebürtiger Hanauer freut es mich, dass wir das Forum als erstes Shoppingcenter zertifizieren konnten und das Thema Inklusion auch nach den Special Olympics Landesspielen 2025, den Demokratie leben!-Projekten an Hanauer Schulen und der Zusammenarbeit mit der KathinkaPlatzhoff-Stiftung weiter forciert wird“
Gemeinsam ergänzen sich die Perspektiven von Korder und Schenk: gelebte Inklusion aus eigenem Erleben, professionelle Erfahrung mit Sport, Sponsoring und Unternehmenskooperationen sowie strategische Kommunikations- und Markenkompetenz.
Inklusion als wirtschaftliche und gesellschaftliche Notwendigkeit
Das Inklusionsfit Institut verfolgt die Vision, Inklusion von einem „Sonderthema“ zu einem normalen Qualitätsmerkmal guter Arbeit, guter Orte und moderner Infrastruktur zu machen. Die Gründe hierfür sind vielfältig. Deutschland wird älter: In einer überalternden Gesellschaft werden Zugänglichkeit, Barrierefreiheit und Teilhabe für immer mehr Menschen relevant. Außerdem können Einschränkungen jeden treffen – dauerhaft oder temporär egal wann im Leben. Auch nichtbehinderte Menschen profitieren von inklusiven Strukturen. Beispiel sind Eltern mit Kinderwagen, Reisende mit Gepäck oder die sogenannte Stille Stunde im Einzelhandel. Zu festgelegten Zeiten werden dabei Licht, Geräusche und Durchsagen reduziert, um ein reizärmeres Einkaufen zu ermöglichen. Ursprünglich für Menschen mit sensorischer Sensibilität, etwa im Autismus-Spektrum, entwickelt, wird dieses Angebot zunehmend auch von nichtbehinderten Menschen bewusst genutzt und geschätzt, da es stressfreieres und entspannteres Einkaufen erlaubt.
Im Audit können Punkte für die Stille Stunde vergeben werden, wenn Handels- oder Dienstleistungsangebote solche bewusst reizreduzierten Zeitfenster umsetzen. Die Maßnahme steht beispielhaft für Inklusion als gesamtgesellschaftlichen Gewinn – für Kunden, Mitarbeiter und die Gesellschaft insgesamt. Statt auf Verbote oder Schuldzuweisungen zu setzen, stellt Inklusionsfit Chancen, Mehrwerte und betriebswirtschaftliche Realität in den Vordergrund: mehr Kunden, mehr Kaufkraft, höhere Aufenthaltsqualität, größerer Pool an Fachkräften, stärkere Arbeitgebermarke und eine zukunftsfähige Positionierung in einem sich wandelnden Markt.
Unternehmen, die Barrierefreiheit und Inklusion fördern bzw. die Menschen mit Behinderung als Zielgruppe erkennen, erschließen sich nicht nur die direkte Kaufkraft von Menschen mit Behinderungen, sondern erreichen auch deren soziales Umfeld. Dies kann zu einer erheblichen Erweiterung des Kundenstamms führen und stärkt zudem das positive Image des Unternehmens in der Gesellschaft – Angehörige von Menschen mit Behinderung werden Bemühungen zu mehr Inklusion mit bewussten Kaufentscheidungen belohnen.
„Menschen, die Barrieren täglich erleben, gestalten die Standards“
Die Inklusionsfit Audits wurden nicht abstrakt am Schreibtisch entworfen, sondern in Zusammenarbeit mit Expertinnen und Experten, die unterschiedlichste Behinderungsarten selbst erleben. Dadurch bilden die Audits nicht nur Normtexte ab, sondern die realen Bedürfnisse von Menschen mit Behinderung im Alltag. Normen sind Referenz, aber nicht alleiniger Maßstab. Entscheidend ist, was tatsächlich Barrieren abbaut und Teilhabe ermöglicht. „Viel zu oft werden Standards von Menschen definiert, die sich nur vorstellen müssen, wie es wäre, eine Behinderung zu haben“, so Korder. „Wir haben den umgekehrten Weg gewählt: Menschen, die Barrieren täglich erleben, gestalten die Standards aktiv mit.“
Das Inklusionsfit Audit – ein Instrument der Weiterentwicklung
Um Inklusion in Unternehmen, Immobilien und Organisationen messbar zu machen, haben die Gründer ein mehrstufiges Audit entwickelt. Es liefert einen klaren Benchmark: Wo stehen wir heute? Was läuft bereits gut? Wo liegen die größten Hebel, um inklusiver zu werden? Das Ergebnis ist kein „bestanden/nicht bestanden“, sondern ein Instrument zur Weiterentwicklung. Hanau stellt hier ganz klar einen Vorreiter dar und zeigt, wie ein moderner Handelsstandort heute aufgestellt sein kann, wenn er die Bedürfnisse einer vielfältigen Bevölkerung ernst nimmt. Das Forum ist das erste Shoppingcenter in Deutschland, das den gesamten Auditprozess durchlaufen ist. Im Rahmen dessen wurden unter anderem folgende Bereiche geprüft: Barrierefreie Erreichbarkeit, Mobilität im Center, Orientierung, akustische und visuelle Barrieren, barrierefreie Sanitäranlagen, Schulung und Sensibilisierung von Center- und Sicherheitspersonal, digitale Barrierefreiheit, sowie Kommunikationsstil und Transparenz gegenüber den Besuchern.
Darüber hinaus betrachtet das Audit nicht nur das Einkaufserlebnis für Kunden, sondern auch die Verwaltungs- und Organisationsprozesse hinter dem Shoppingcenter. Ziel ist es, Impulse für eine inklusive Unternehmenspraxis zu setzen und die Auseinandersetzung mit Menschen mit Behinderung als Arbeitskräfte zu fördern.
So werden unter anderem Punkte vergeben, wenn Betreiber oder Unternehmen externe Fachberatungen in Anspruch nehmen – etwa die bundesweit kostenfreie Einheitliche Ansprechstelle für Arbeitgeber (EAA), die Unternehmen bei der Einstellung von Menschen mit Behinderung berät und über Fördermöglichkeiten informiert. Auf diese Weise werden nicht nur bauliche oder servicebezogene Maßnahmen berücksichtigt, sondern auch eine offene, inklusive Unternehmenskultur belohnt, die Menschen mit Behinderung als selbstverständlichen Teil der Arbeitswelt mitdenkt.
Noch viel vor: Inklusionsfit in weiteren Branchen
Das Shoppingcenter-Audit ist nur ein erster Baustein. Das Inklusionsfit Institut entwickelt weitere branchenspezifische Produkte, um Inklusion systematisch in unterschiedlichen Lebensund Arbeitsbereichen voranzutreiben: z.B. für Arbeitswelten und Büros oder im Event-Kontext.
„Hanau ist für uns ein starkes Signal: Ein Shoppingcenter in der Fläche zeigt, dass Inklusion machbar ist – ohne Perfektionswahn, dafür mit echter Wirkung. In einer älter werdenden Gesellschaft und einer diversen Kundschaft ist das nicht nur ein nettes Extra, sondern ein klarer Standortvorteil,“ so Korder abschließend. Martin Schenk ergänzt: „Wir arbeiten mit dem Anspruch alles perfekt, beziehungsweise so optimal wie möglich, machen zu wollen, aber wissen, dass das nicht so einfach umsetzbar ist und man jede Behinderungsart und den individuellen Umgang damit mitdenken kann. Deswegen freuen wir uns über jeden Impuls von außen, um unser Siegel stets weiterzuentwickeln. Wir freuen uns also sehr über Feedback und nehmen das sehr ernst, denn uns ist bewusst, dass unser Audit sich stets weiterentwickeln wird.“ +++